Der Weg eines Alkoholikers




Der erste Schritt

Ich war am Tiefpunkt. Zerbrochen, am Bodenzerstört, am Ende. Da hörte ich einen Satz, der sich unauslöschlich in mein krankes Gehirn einprägte: "Ein Alkoholiker hat nur dann eine Chance nüchtern zu werden, wenn er wieder ehrlich wird." In diesen Worten fand ich eine tiefe Wahrheit. Mein Trinken war ein ständiger Selbstbetrug, den ich jahrelang nicht erkannte, weil ich krank war. Ich machte mir immer wieder vor, dass es zum Leben eines Mannes gehört, hin und wieder einen auf die Pauke zu hauen. Bald wurde klar, wie meisterlich ich das Instrument beherrschte. Selbstverständlich waren nicht nur freudige Ereignisse Anlässe meiner Sauferei. Ich fand sehr bald für jeden Griff zum Glas eine glaubhafte Begründung. Meistens war ich zwar der Einzige, der mir diese Begründung abnahm - und ich begann die anderen Menschen ob ihres Unverstandes innerlich zu verachten .Ich wandte mich von dieser Gesellschaft ab und suchte mir Freunde, die mich verstanden. Diese "Freundschaften"haben mich eine Menge Geld gekostet, aber zu jener Zeit wollte ich noch nicht allein trinken. Ausserdem bestätigten mir meine Zechkumpane, dass ich kein Aussenseiter der Gesellschaft war, sondern ein Mensch unter Menschen. Damals war ich blind. Ich hatte die gefährlichste Augenkrankheit, die es gibt. Ich sah nicht, dass diese Freundschaften bezahlt waren. Ich sah nicht, dass ich stets der Letzte war, der immer noch eine Flasche wollte. Ich sah nicht, wie ich allein gelassen wurde, wenn ich kein Geld mehr hatte. Ich fühlte mich stets als Mittelpunkt der Gesellschaft und war stolz, wenn einfältige Menschen meinen Geist bewunderten. Irgendwie tat mir diese Anerkennung gut und irgendwie wollte ich meine "geistige" Überlegenheit auch dadurch demonstrieren, dass ich mehr Alkohol vertragen konnte, als die anderen. "Übung macht den Meister." Ich habe viele, viele Jahre geübt - und ich habe sehr viel Lehrgeld bezahlen müssen. Wenn man Tag für Tag abends im Wirtshaus sitzt, so läppert sich so ein ansehnliches Vermögen zusammen, das man einfach verprasst und versäuft. Wenn ich die Rechnung mache, so habe ich imSchnitt pro Tag min.Fr. 20.--Fr für Bier, Wein oder Schnaps ausgegeben. Hochgerechnet über meine 20 jährige Trinkerlaufbahn, macht das gut und gerne Fr. 150 000.--  Auf diese Weise habe ich mir den schönsten Alkoholismus angesoffen, den ich bekommen konnte. Mit einer Gelbsucht fing es an und mit einer Ehescheidung hörte es noch lange nicht auf. Immer waren die Anderen schuld; -gleichgültig ob ich den Beruf wechseln musste oder daheim Schwierigkeiten hatte. Dabei konnte ich keiner Fliege etwas zuleide tun. Ich blies mein eigenes ICH auf und spielte die beleidigte Leberwurst. Selbstverständlich wollte ich das nicht wahrhaben. Ich war blind und sah nicht ein, wie ich immer mehr und mehr versagte. Ich tauschte meine Mahlzeiten gegen Alkohol ein und zog mich an Sprüchen hoch, die mein Trinken vor mir rechtfertigten. "Dummheit frisst -Intelligenz säuft!" "Bier ist mehr wert, denn es hat Nährwert!" Oft verglich ich mich mit Churchill oder Hemingway und hörte nicht auf Menschen, die es noch gut mit mir meinten. Erst langsam, dann immer schneller, ging es bergab. Selbst als ich morgens nach dem Aufstehen trinken musste, um überhaupt meiner Arbeit nachgehen zu können, meinte ich, dass ich das so noch lange durchziehen könnte, ich war doch ein Mann, ich war doch noch jemand. Die Schulden wuchsen mir über den Kopf, doch ich dachte im Traum nicht daran, irgend etwas an meiner Lebensweise zu verändern, wozu auch.Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich täglich immer wieder Geld aufbrachte, um an Alkohol zu kommen. Dabei konnte ich kein Geld einteilen. So, wie ich es in die Hände bekam, wurde es ausgegeben.Sinn- und planlos, als ob alles mir gehört hätte. So meisterte ich mein Leben -für König Alkohol.Als ich merkte, dass ich von ihm beherrscht wurde, war es schon zu spät. Ich konnte nicht mehr allein aufhören. Ich musste trinken. Und wiederum versuchte ich ständig dieses Trinken zu entschuldigen. Ich fühlte mich todkrank und hundeelend, wenn ich wieder einigermassen nüchtern wurde. Ich nahm den Alkohol als Medizin. Ich brauchte keine Freunde mehr zum Trinken. Ich brauchte nur den Alkohol. Er war mein Freund und Retter in der Not. Ich steuerte meinem Tiefpunkt zu. Doch selbst vor dem Papst hätte ich noch behauptet: ich hatte mein Leben voll im Griff. Vor mir lag ein grosser Trümmerhaufen und in mir eine schwammige Leber. Ich versprach mir Besserung und vergass mein Versprechen. Mein Geist wurde schwach. Ich vergass mich und verlor jede Achtung vor mir selbst. Ich stand mit wässrigen gelben Augen vor dem Spiegel und wollte mein Leben auskotzen. Ich spuckte Magensaft und Galle, ich zitterte am ganzen Körper. Meine Beine versagten und grauenhaft schwitzend brach ich zusammen undmir wurde klar: Ich bin ein Alkoholiker! Ich fühlte mich zerschlagen, ausgemergelt, verkommen und dreckig. Ich fühlte mich todkrank. Ich war ein Mensch, der sein Leben nicht mehr meistem konnte und das war mir auch noch einmal scheissegal. In dieser von Gott verlassenen Stunde trat ein Mensch vor mich hin und sagte: "Ich heisse Otto und bin einAlkoholiker, hast du auch ein Problem mit Alkohol?" Ich schaute zu ihm auf. Dieser Mann war nüchtern, sauber gekleidet, klare Augen, sympathisches Gesicht, und er sagte mit einer Selbstverständlichkeit: "Ich bin ein Alkoholiker!" Etwas in mir bäumte sich auf Alkoholiker? Ich? Niemals! Für mich waren Alkoholiker verkommene, willensschwache Kreaturen, Ausgestossene, Abschaum der Gesellschaft, Penner, die in schmutzigen und zerfetzten Klamotten stockbesoffen herumtorkeln und unter Brücken oder Bahnhofsunterführungen ihre Räusche ausschlafen. Nein, ich bin kein Alkoholiker! Ich fühlte, dass man mich noch tiefer in den Schmutz ziehen wollte. Ich war nicht einer von den aufgedunsenen, stinkenden und unrasierten Clochards aus dessen Manteltasche eine Weinpulle herausschaut. Alles in mir sträubte sich gegen den Gedanken ein Alkoholiker zu sein. Wie gelähmt hörte ich die weiteren Worte:"Kein Aussenstehender kann feststellen, ob du Alkoholiker bist!" Diese Feststellung bleibt dir ganz allein überlassen. Alkoholismus ist eine Krankheit, die jeden Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Geschlecht treffen kann. Man weiss nicht, weshalb diese Krankheit den einen befällt und den anderen verschont. "Es ist keine Schande krank zu sein, aber es ist eine Schande nichts dagegen zu tun!", hörte ich den Mann sagen und: "Alkoholismusist unheilbar, die Krankheit kann nur durch absolute Abstinenz zum Stillstandgebracht werden." Diese Worte hatten eine unbeschreibliche Wirkung auf mich.Ich fühlte mich von dem Druck befreit der auf mir lastete. Also war ich kein willenloses und verkommenes Subjekt, sondern ein kranker Mensch. Ich war krank, das war die Lösung! KeinTrunkenbold, sondern ein alkoholkranker Mensch. Wie befreiend überkam mich diese Erkenntnis! Ich wollte gesund werden! Doch schon bald merkte ich, dass das Ganze nicht so einfach war, und dass ich es nicht allein schaffte. Immer stärker wurde mein Verlangen nach Alkohol. Die Entzugserscheinungen schüttelten mich arg durch und ich glaubte wahnsinnig zu werden. Ich befolgte den Rat, den ich von diesem trockenen Alkoholiker bekam: "Trink soviel du kannst, Kaffee, Tee, Fleischbrühe oder Mineralwasser usw., nur um Gottes Willen keinen Alkohol!" Er machte mir deutlich, dass ich jedes Glas ausschliesslich gegen mich trinke, dass es meine Leber ist, die sich zersetzt, dass es mein Geist ist, der unter Gedächtnislücken leidet, und dass es meineSeele ist, die Höllenqualen erduldet. Er machte mir in dieser Situation deutlich, dass ich nur weiterleben konnte, wenn ich endlich einsehen lernte, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin. Meine Sprüche: "Bier ist mehr wert, denn es hat Nährwert" und ,,Dummheit frisst, Intelligenz säuft", hatten ihre Überzeugungskraft verloren. Er machte mir klar, dass ich nur genesen kann, wenn ich vorher restlos kapituliere. Kapitulieren vor dem König Alkohol und kapitulieren vor meiner eigenen Besserwisserei! Wie oft bin ich mit einem hoffnungslosen Kopf gegen den Alkohol angetreten. Wie oft habe ich gesagt:,,Diesmal beweise ich, dass ich mich beim Trinken beherrschen kann." Und dann war ich doch wieder der Letzte, der vom Tisch aufstand. Dann musste ich mir doch wieder vorhaltenlassen, dass ich mich unmöglich benommen habe. Immer war der Alkohol stärker als ich und mehr habe ich den kürzeren gezogen. Sollte ich es nicht endlich einsehen? Mir blieb nichts weiter übrig. Ich gab auf! Ich war zerschlagen, -gedemütigt und innerlich ausgehöhlt. Mir gingen die Augen auf, dass mein jahrelanger Freund Alkohol, - mein Tröster, - mein Lebenselixier in Wirklichkeit mein grösster Feind, - mein Verführer, - ein hundsgemeines Giftwar. Dieser trügerische Gaukler hatte mein Hirnvernebelt, meinen Körper vergiftet, meine Seele vor die Hölle geschickt. Ich war krank, geistig, körperlich und seelisch krank. Die Kapitulation war vollständig und die Erfahrung hat gezeigt, dass dies die Voraussetzung für eine dauerhafte Nüchternheit ist. Jeder Zweifel, ob man vielleicht doch nicht so ist, wie jener Säufer, oder ob man vielleicht nicht doch bald mal wieder ein Gläschen trinken kann, beweist, dass man noch nicht bereit ist wirklich aufzugeben. Deshalb musste ich erst den Tiefpunkt meines Lebens erreichen, denn ohne Tiefpunkt ist jede Kapitulation unvollständig. Es genügt auch nicht, wenn man nur gegenüber dem Alkohol kapituliert. Ich muss auch vor mir selbst kapitulieren. Ich muss einsehen, dass ich ganz allein für den angerichteten Trümmerhaufen verantwortlich bin. Nicht die anderen waren schuld, sondern der Alkohol hat mich so weit gebracht, dass ich mein Leben nicht mehr allein meistern konnte. Ich muss im Gegenteil den anderen Menschen dankbar sein, dass sie mich nicht schon vorher aus ihrer Gemeinschaft ausgestossen haben. Ich muss endlich die Luft aus meinem aufgeblasene ICH ablassen. Weg mit der Überheblichkeit, fort mit der Arroganz. Ich will nun wieder ganz von vorn anfangen. Ich will lernen, mich selbst zu begreifen.Hatte es überhaupt noch einen Zweck? Ich kam mir wie ein Ertrinkender vor und war bereit, mich an jeden Strohhalm zuklammern. Ich wusste, dass ich es nicht mehr allein schaffe. Angstvoll trieb ich in einem Meer von Flaschen und schrie um Hilfe. Nie war meine Verzweiflung grösser als in jenen Tagen.Da kam die Rettung. Ich fand die hilfreiche Hand der AA, mein Hilferuf wurde erhört. Ich fand Menschen, die meine Geschichte am eigenen Leibe erfahren hatten und heute nüchtern leben dürfen. Bei ihnen erfuhr ich Kraft und Hoffnung und ich wurde willens, mich ihnen anzuschliessen. Ich lernte, dass mein Krankheitsbild ewig bleibt, dass ich mein Trinken aber zum Stillstand bringen kann und danach körperlich, geistig und seelisch gesunden kann. Alkoholiker bleibe ich mein Leben lang! Ich fühlte es in meinem Inneren, dass ich mich mit der Hilfe meiner neuen Freunde, von meinem krankhaften Trinken befreien könnte, wenn ich das erste Glas Alkohol stehenlassen würde. Das konnte ich mir aber nicht vorstellen. Ist ein Leben ohne ein Gläschen Wein oder ein kühles Helles überhaupt noch lebenswert? Meine AA-Freunde sagten einhellig:"Ja!, wir können dir aber nicht das Paradies versprechen, doch es wird sich auch für dich lohnen, wenn du von der Flasche loskommen kannst." Und sie sagten mir noch etwas ganz Wichtiges. "Nimm dir nicht vor, dein ganzes Leben lang keinen Alkohol mehr zu trinken. Damit überforderst du dich. Versuche nur HEUTE nichts mehr zutrinken. HEUTE ist der wichtigste Tag für dich und wenn du es 24 Stunden geschafft hast, dann steigt dein Selbstvertrauen!" Mein Selbstvertrauen stieg. Tag für Tag nahm ich mir vor nur HEUTE - keinen Alkohol zu trinken. Jedesmal, wenn mich die Versuchung überkam, sagte ich zu mir: "HEUTE NICHT, vielleicht MORGEN." Bald einmal lernte ich wieder nüchtern zu denken. Bald sah ich ein, dass ich nicht vom zwanstigsten Glas betrunken wurde, sondern vom ersten! Sie sagten mir, dass ich heute vielleicht nach einem Glas aufhören könnte, doch morgen würden es zwei sein und bald wäre ich wieder unfähig, mein Trinken unter Kontrolle zu halten. "Meide das e r s t e Glas und vergiss unsere wöchentlichen Meetings nicht", so wurde immer wieder gesagt, "dann geht alles wie von selbst!" Diese Empfehlungen überzeugten mich und bald stand ich wieder etwas fester auf den Beinen. Meine Kaninchenaugen wurden wieder klarer und der Brechreiz beim Aufstehen verschwand. Ich konnte wieder schlafen, ohne von Alpträumen gepeinigt zu werden, schweissnass aufzuwachen. Ich gewöhnte mich an starken Kaffee und an noch mehr Zigaretten. Zwar war dies auch nicht das gesündeste, aber es griff den Geist nicht an. Irgendwie musste ich meine innere Unruhe abdampfen und das half. Wenn ich heute befreit auf meinen noch nicht abgeschlossenen Weg zur körperlichen, geistigen und seelischen Genesung zurückblicke, so war alles nur möglich, nachdem ich selbst den ersten Schritt auf diesem Weg vollbrachte. Es war notwendig, dass ich selbst mir meine 24 Stunden Nüchternheit erkämpfte. Ich musste es für mich selbst tun! Ichmusste zugeben, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos war, und mein Leben nicht mehr meistern konnte. Mein Genesungsweg war tatsächlich nicht mit Rosen bestreut. Ich merkte bald, dass das Leben auch ohne Alkohol mit Schwierigkeiten gespickt war. Oft war ich der Verzweiflung nahe und kurz davor, mir mit Alkohol Erleichterung zu schaffen. Hier wurde die Vergangenheit wach und eine Stimme flüsterte mir ins Ohr: ,,Ein Glas kannst du doch trinken!" Um in solchen Augenblicken NEIN sagen zukönnen, brauche ich die Meetings, meine Freunde in AA und den ehrlichen Wunsch, nie mehr zu trinken. Es ist eine Lüge, wenn man Alkoholiker als willensschwach bezeichnet. Nüchtern zu sein und zu bleiben braucht Willensstärke und diese braucht es auch, um den einen Schluck Alkohol nicht mehr zu trinken. Danke AA, dass es euch gibt!

Gott gibt mir die Gelassenheit
die Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut die Dinge zu ändern,
wenn ich es kann
und die Weisheit
richtig zu unterscheiden.

Autor unbekannt - erschienen in: Irgendwo AA/1998