Brief an einen jungen Alkoholiker



Monatszeitschrift der Anonymen Alkoholiker  





Ja, ich weiss, was will diese alte Schachtel von mir — so wirst Du höchstwahrscheinlich reagieren. Ja, ich weiss, das geht mich gar nichts an. .Ja, ich weiss, Du bist jetzt alt genug um Dein Leben selbst zu bestimmen. Aber ich kenne ihn, Deinen besten Freund, der Dich tröstet, Dich lustig stimmt, Dir Deine Ängste nimmt, Dir Mut macht. Dich gegen alle stemmen zu können. Der, der Dein grösster Fan ist: der Alkohol! Er stimmt jeder Entscheidung zu, die Du triffst, er ist Dein Leben, er erhält Dich am Leben. So befiehlt er Dir zu trinken. Ich kenne alle diese Gefühle. Mit etwa elf Jahren trank ich mit meinem Onkel die erste Flasche Bier. Hoppla, war das geil. Dieses Gefühl von Freiheit, Harmonie und Geborgenheitl Ich war unendlich dankbar, dass es so etwas gab. Ich bin nicht sofort der Sucht verfallen. Doch von diesem Tag an reservierte sich der Alkohol einen Platz in meinem Kopf. Super, dachte ich: Das ist besser als jede Tablette, die ich schon mal gegen irgendwas genommen hatte.

Diese Ängste, die das Leben so mit sich bringt! Dieser Druck — ständig wird etwas von Dir verlangt. Du solltest arbeiten, Geld verdienen. Dieser Gesellschaft der Alleswisser gerecht zu werden ist ein Kampf — und doch auch eine Lebensaufgabe. Eine Lebensaufgabe, die darin besteht, Dir Deinen Raum zu suchen, in dem Du Dich so bewegen kannst, dass Du in Deinem Innern zu Dir sagen kannst: Das stimmt für mich.

Ohne Arbeit bist Du ständig abhängig von Menschen, die Dir keine Achtung schenken. Für den einen ist es diese Arbeit, für den anderen eine ganz andere. Momentan ist Dir das völlig egal. Das kann ich verstehen. Denn der Alkohol — und was Du auch sonst noch alles nimmst — gaukelt Gefühle zwischen Gleichgültigkeit und Sicherheit vor. Er lässt Dich mit gezielter Dominanz im Glauben, Du hättest ein gutes Leben. Also gibt es keinen Grund, Dir ernsthaft Gedanken über Dein weiteres Leben zu machen. Ich war genau gleich wie Du. Nur hatte ich noch ein Fünklein sogenannter Normalität in mir, das mich mahnte, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Mit der immer schlimmer werdenden Sucht ist dieses Fünklein dann aber mehr und mehr erloschen.

Dein Körper wird diese Unmengen von Starkprozentigem noch eine Weile aushalten. Doch er kämpft — ohne dass es Dir bewusst ist — täglich gegen seinen Untergang. Du merkst das noch nicht gross, weil Dein verwirrter Verstand Dir keine natürlichen
Alarmzeichen senden kann. Dein Freund Alkohol lässt das nicht zu, er will Dich nicht verlieren. Je länger Du trinkst, umso schwieriger wird das Aufhören. Bitte, sei Dir dessen bei jedem Schluck, den Du trinkst, bewusst. Dein Körper kämpft jeden Tag, um Dich am Leben zu erhalten, doch Du überforderst ihn masslos.

Während meiner Trinkerzeit bekam ich Problememit dem Herzen. Manchmal hatte ich das Gefühl, es würde stehen bleiben. Aber anstatt aufzuhören, trank ich aus lauter Angst noch mehr! Niemand kann mir helfen, dachte ich. Ich habe es nicht mitbekommen, dass es Hilfe gab. Ich habe es nicht sehen wollen, auf keinen Fall. Alles könnt ihr mir nehmen, aber nicht meinen Alkohol!

Ich wusste, dass meine krampfhafte Trinkerei nicht mehr lange gut gehen konnte. Ich habe niemandem mehr vertraut, am Schluss nicht mal mir selber. Mein Körper und meine Seele schrien nach Hilfe, ich habe das nicht hören wollen. So hart ist der Alkohol, gleich dem Teufel, der Dich nicht in Ruhe lässt, bis zu Du Dich vollends zerstört hast und komplett zerstört am Boden bist und hilflos auf den Tod wartest, weil Du einfach nicht mehr kannst. Ich bin nicht sicher, ob Du das wirklich willst. Aber so wird es wohl kommen, denn es gibt keinen Grund, wieso es Dir anders gehen sollte als allen andern Alkoholikern, die den Ausstieg nicht schaffen. Hoppla! Ich dachte ja auch, mir passiert doch nichts. Klar? Aber nur so lange, bis es passiert. Russisches Roulette? Wenn Du tief in Deinem Innern nach der Wahrheit suchst, wirst Du mir Recht geben.

Vielleicht denkst Du, Deine Familie hasse Dich, weil Du bist wie Du bist. Ich sage Dir, dass es nicht stimmt. Sie sorgen sich um Dich. Sie unterstützen Dich nicht mehr mit Geld, weil Du das Geld nur brauchst, um Alkohol zu kaufen. Wenn Du Geld von
ihnen haben willst, ist das so als würdest Du ihnen mitteilen, Du werdest eine Bank überfallen und sie hätten gefälligst Schmiere zu stehen. Es gibt kein Geld mehr, weil sie verhindern wollen, dass Du Dich zerstörst. Das ist eine Gewissenfrage. die sich die Angehörigen stellen müssen. Die, die Dich finanziell unterstützen, lieben Dich nicht, sondern haben Gefallen an Deinem elenden Zustand. Stell Dir vor, Du hättest Dein Leben im Griff: Wie würden Dich Deine sogenannten «Freunde» beneiden! Nun ist es aber so, dass sie für Dich ihr Portemonnaie öffnen, um Dich in ihrem Kreis zu halten. Ist leider so. Dem darf es auf keinen Fall besser gehen als uns.

Bei mir ging es um Leben und Tod. Also hatte ich die Wahl: Gehe ich in den sicheren Tod oder wähle ich das Leben? Ich habe mich für das Leben entschieden!

Es gibt sie noch, jene, die es ehrlich und von ganzem Herzen gut mit Dir meinen. Es sind die, die Dir in Deiner Not am meisten auf die Nerven gehen, die Du nicht verstehen willst, die mit Dir leiden und Dir nicht helfen können, es sei denn, Du würdest die Hilfe akzeptieren. Es sind die, die zuschauen müssen, wie Du Dich in Deiner Sucht aufgibst.

Mir persönlich hat mein Glaube an den Herrn Jesus Christus geholfen, vom Trinken wegzukommen. Er hat mich mit Menschen zusammengebracht, die mich auf dieser Welt vor dem sicheren Untergang gerettet haben. Er hilft mir immer noch täglich, und ich bin ihm dafür unendlich dankbar.

Mit liebem Gruss

Jacqueline